Erinnerungen an Kindheit, Jugend und Leben in Anhalt, Sachsen und Thüringen

Auszüge aus dem Buch
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 „Weißt du noch?“ oder „So war das!“ sind die Anfänge von Erinnerungsaustauschen unter Älteren. Wenn man/frau sich erinnert. Was jedoch nicht schriftlich fixiert ist, geht selbst bei mündlicher Überlieferung irgendwann einmal verloren. Es wird meist nach einer, spätestens nach der zweiten Generation vergessen, weil die Nachkommen es nicht erlebt und kennen gelernt haben. Und irgendwann kann man die Älteren rein biologisch nicht mehr befragen, weil sie nicht mehr da sind. Es kann auch sein, dass die Älteren über bestimmte Dinge und Zeiten nicht reden wollen, können oder möchten. Das kann man aber ändern! 

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Ich bin Jahrgang 1959, geboren am 17. Februar in Köthen/Anhalt. Meine Eltern Christa und Dieter kamen aus Naundorf vor der Heide und aus Fraßdorf, beide acht bis elf Kilometer nordöstlich von Köthen. Dort, im Kreis Köthen, lebten alle Großeltern und fast alle andere Verwandtschaft, Onkel und Tanten, die ich als Kind so kannte. Ich war in meiner Generation der älteste Enkel, Sohn, Neffe und Cousin. Alle anderen waren einige Jahre jünger als ich. 

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Apropos Eismann: Naundorf hatte keinen Laden. Manchmal kamen der für uns Kinder „richtige“ Eismann, das Brauereiauto, ein Fleischerauto oder der Fischmann. Der richtige Eismann war bei uns Kindern beliebt. Wir erbettelten bei der Oma ein paar Mark und kauften ganz stolz eine große Schüssel voll Speiseeis zum Sattessen. Das Brauereiauto aus Köthen war auch etwas Besonderes, ein Tankauto. Eimerweise wurde Braunbier gekauft, ein untergäriges Bier. Das wurde, zusammen mit je einem Löffel Traubenzucker, in Schnappverschluss- oder Bügelflaschen gefüllt und kam in die kühle Speisekammer. Dort vergärte der Traubenzucker langsam, zumindest meistens. Ab und an explodierten schon mal Flaschen. Aber das kühle Braunbier war in der Erntezeit zur Pause auf dem Feld eine Wohltat. Wenn es denn nicht Muckefuck (so wurde der Malzkaffee genannt) gab, den es pur oder mit Milch eigentlich immer gab.

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Meine Großeltern väterlicherseits lebten in Fraßdorf. Die verwandtschaftlichen Bande meiner Großmutter Elly Hahn, geborene Fleck, führten ins benachbarte Quellendorf zu ihrer Schwester Martha Mansfeld, geborene Fleck. Ich erinnere mich an die Fahrradtouren, die ich als Kind zuerst auf dem Kindersattel auf Großmutters Fahrrad mitmachte und später auf meinem ersten 24er Fahrrad selber „hinlegte“. Eine kleine Weltreise damals, heute ein Husch mit dem Auto über gerade einmal zwei Kilometer. Dabei führte die schon Anfang der 1960er asphaltierte Straße am verlandeten, zugeschütteten Fischteich bei Fraßdorf vorbei am Pumpenwärterhaus des Tiefbrunnens durch den Jeser nach Quellendorf. Im Pumpenwärterhaus arbeitete Großonkel Franz Mansfeld, der ziemlich zeitig verstarb. Großtante Martha hatte in ihrer handschriftlichen Rezeptesammlung ein eigenes Gedicht aufgeschrieben. „Zwischen Quellendorf und Fraßdorf, da steht ein Haus, da guckt der Franz zum Fenster raus. Und wenn er mal am falschen Knopf dreht, dann geht in Dessau das Wasser aus:“ Mich interessierte eher, dass es im Pausenraum ein Aquarium mit Makropoden gab.

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Als ich etwas größer war, durfte ich im nahen Friedenspark spielen, wo es in der Nähe des Kinderheims einen Spielplatz mit Sandkasten, Wippe, Klettergerüst und Karussell gab. Der Friedenspark war ein ehemaliger Friedhof mit noch einzelnen, für mich teils riesigen Grabmalen. Die nutzten wir zum Verstecken und Klettern. Und es gab sogar einen Rodelberg, gewaltige eineinhalb bis zwei Meter hoch, von dem wir mit unseren Schlitten fuhren oder Anlauf nahmen für eine Schlitterbahn, die gehässigerweise vom Parkwächter oft mit Sand bestreut wurde. 

Anfangs gab es im Friedenspark noch einen Parkwächter. Der hatte als Kriegsinvalide einen Holzarm mit braunem Lederhandschuh und fuhr auf einem Fahrrad auf den Wegen umher und schimpfte mit uns, wenn wir auch nur mal einen Schritt auf die Rasenflächen taten. Wenn wir also unterwegs waren und beispielsweise Suche spielten, mussten wir uns immer nach diesem Parkwächter umschauen. Suche funktionierte doch nur, wenn man von den Wegen abwich und sich hinter Grabmälern, Bäumen oder Büschen versteckte. Allzu schnell war der Parkwächter (heute hat diese Berufsbezeichnung eine total andre Bedeutung) nicht, denn außer seinem Holzarm hatte er auch ein steifes Bein und die Mechanik der Tretkurbel am Fahrrad war zu einer Art Kurbelschwinge umgebaut.

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In der DDR wurde viel mit Losungen gearbeitet. Nein, nicht mit dem, was bei den Tieren hinten raus kommt! Obwohl der Gedanke mitunter so abwegig nicht war. Losungen waren kurze, knackige Sätze, die sich gut auf Transparenten machten. Für die Demonstrationen am 1. Mai oder zum Tag des Republik wurden diese Losungen sogar Tage vorher festgelegt und in den Zeitungen kundgetan. Losungen konnten aber auch nach hinten losgehen. So war die Losung „Alle heraus zum 1. Mai!“ unpassend, wenn sie an eine Friedhofsmauer gepinselt wurde. Und der Spruch „Aus unseren volkseigenen Betrieben ist noch mehr herauszuholen“ wurde sehr wohl als die Mentalität betrachtet, dass Viele das Volkseigentum als ihr Eigentum betrachteten und das „Abzweigen und Mitnehmen“ nicht als Diebstahl betrachtet wurde. Es gibt sogar Zeitgenossen, die sich später damit brüsteten, wie sie etwa zum Baumaterial für ihr Haus kamen. „Ich habe in der Champignonzucht gearbeitet und die Baustoffhändler mit Champignons versorgen können“, heißt es beispielsweise. Diese Champignons wurden garantiert nicht bezahlt. Ich nenne so etwas Diebstahl. Der Tauschhandel artete auf diese Weise aus. Hattest du nichts anzubieten, dann bekamst du halt nichts.

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Als ich im Suhler Waffenwerk 1978 meine Ausbildung zum Jagdwaffenmechaniker machte, kam die Meldung, dass der erste Deutsche ins All geflogen war, Sigmund Jähn. Schon Tage vorher hatte es in der Abteilung der Graveure geheimnisvolles Tun gegeben. Ein Kurier aus Berlin hatte dem Meister zwei Ehrendolche der NVA gebracht und der Huller, wie der Kollege Heym genannt wurde, erhielt als bester Graveur den Auftrag, in die Dolchscheiden Goldeinlegearbeiten zu machen und Rubine einzusetzen. Und er musste Namen eingravieren. Dazu gab es zwei verschiedene verschlossene Briefumschläge mit Namen darin, von denen einer auf besonderen Anruf hin zu öffnen war. Der andere wurde vernichtet. Es gab nämlich zwei Kosmonautenteams (oder wäre Kosmonautenkollektiv besser?) und bis zum Start war nicht klar, welches Team fliegen würde. Der Huller gravierte dann die Namen Sigmund Jähn und Waleri Bykowski in die Ehrendolche. 

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Natürlich gab es befestigte Straßen, die Qualität des Belags war aber sehr unterschiedlich, sicherlich auch abhängig von der Gegend. Für Köthen typisch war das rote Kopfsteinpflaster aus großen Porphyrsteinen. Es war so holprig, dass Radfahren darauf fast unmöglich war, etwa in der Bergstraße oder zwischen den Dörfern. Es gab auch „besseres“ Kopfsteinpflaster aus so genannten Katzenkopfsteinen. Die waren, wie es der Name schon sagt, kleiner und es holperte nicht so. Deutlich besser waren Granitsteine mit einer deutlich glatteren Oberfläche. Man kennt sie heute noch als Randsteine vieler Straßen.
Ganz glatte Pflasterstraßen hatten Schlackesteine. Die entstanden als Abfallprodukt des Kupferbergbaus im Mansfelder Land, wenn das vom Kupferausschmelzen flüssige Gestein in Formen gegossen wurde. So entstand an der Oberfläche eine glasartig glatte Oberfläche. Sehr schön, wenn die Steine trocken waren und weniger schön, wenn es regnete. Gar nicht mehr schön waren diese Steine jedoch im Herbst mit nassem Laub darauf oder im Winter mit Schneemehl. Einmal haben wir uns an eine Kurve gestellt und die Radfahrer gezählt, die in dieser Kurve die Wirkung zu hoher Fliehkräfte bei zu geringer Bodenhaftung erfahren mussten. Die Stürze waren vorprogrammiert und wir freuten uns diebisch über die Flüche der Pechvögel, die es hingehauen hatte.

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Mein erstes Fahrrad bekam ich zum 5. Geburtstag. Es war ein 22er rotes Rad mit sehr schmalen Reifen. Radfahren gelernt habe ich im Friedenspark, nur 100 Meter von zu Hause weg. Besser gesagt wurde es mir beigebracht von Opa Kurt. Das funktionierte so: Ich wurde auf den Sattel gesetzt und Vater oder Großvater liefen nebenher und hielten mich fest, an der Schulter oder am Fahrrad, damit ich nicht umkippte. Als einmal der Opa Kurt mit dem Festhalten an der Reihe war, radelte ich drauflos und wunderte mich, dass der Opa gar nicht schnaufte. Ich wendete vorsichtig den Kopf. Da stand der Opa geschätzte 50 Meter hinter mir auf dem Weg und griente. Ich war ohne Festhaltehilfe allein gefahren und fiel vor Schreck um. Ab da konnte ich Fahrrad fahren.

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Als Kind eines Förderanlagenbauers hatte ich ein besonderes Privileg. Das war das Baden im beheizten betriebseigenen Schwimmbad, gegenüber vom Güterbahnhof. Da das 25-Meter-Freibadbecken im Betriebsgelände lag, bekam ich einen Betriebsausweis! Aber das war für mich nur die erste Hürde. Ich konnte nämlich, im Gegensatz zu vielen meiner Freunde, bis zum Sommer 1968 nicht schwimmen. Aber das Betriebsschwimmbad war zwei bis drei Meter tief. Mein Vater meldete mich beim Schwimmmeister Szimmer zum Schwimmen-Lern-Kurs an. Szimmer war ein älterer Mann, der Respekt bei allen Badenden hatte. Es galt als streng und praktisch veranlagt. Mir stülpte er einen aufgeblasenen Schwimmreifen aus Gummi über den Kopf und unter die Arme. Dann führte er mich zum Beckenrand und nahm eine lange Stange mit an der Spitze befindlichem, großem Eisenring in die Hand. Diesen Ring hielt er den Schwimmschülern immer kurz vor das Gesicht, so dass im „Notfall“ danach gegriffen werden konnte. Bei mir kam es anders, als ich es erwartet hatte. Szimmer zog den Stöpsel aus dem Schwimmreifen und warf mich einfach ins Wasser. Und ich konnte schwimmen! Zwar nahm ich einen gehörigen Schluck Chlorwasser zu mir und die Haltungsnote war definitiv keine 10, aber es funktionierte. Wenige Tage später konnte ich meine Schwimmstufe I ablegen und durfte ab diesem Zeitpunkt ganz offiziell und ohne elterliche Begleitung schwimmen gehen und ins Tiefe.

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